Quantität ist nicht gleich Qualität: Neuroborreliose Leitlinie Teil 2 - Borreliose Nachrichten
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Quantität ist nicht gleich Qualität: Neuroborreliose Leitlinie Teil 2

6. Mai 2018 - Veröffentlichungen

Fragwürdige Interpretation „wissenschaftlicher“ Arbeiten in der Leitlinie Neuroborreliose

Es gibt 6 Quellen von Herrn Dersch, 3 davon beziehen sich auf die gleiche Zusammenfassung von Arbeiten, die überwiegend aus den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrtausends stammen. Genau bedeutet es, dass nur 4 von 16 Arbeiten aus den Jahren nach 2000 stammen.

Die herangezogenen Arbeiten variieren hinsichtlich der Therapiedauer zwischen 7 und 100 Tagen oder die Therapiedauer ist nicht angegeben.  Auch die Größe des Stichprobenumfangs (Anzahl der Patienten) und die Medikation sind nicht vergleichbar. Trotz des wankenden Fundamentes waren sich die an der Leitlinie beteiligten Ärzte einig, dass ihre Privatinterpretation  antiquierter Quellen veröffentlicht werden müsse.

Wir arbeiten hier exemplarisch an der Quelle mit dem Titel: „Efficacy and safety of pharmacological treatments for acute Lyme neuroborreliosis“

Fragestellung Dersch: Welche Antibiose wirkt am zuverlässigsten gegen Neuroborreliose?
Antwort Dersch: Es ist aufgrund erheblicher Ungenauigkeiten keine abschließende Antwort zu dieser Fragestellung möglich. Es gibt keine Hinweise auf Vorteile erweiterter Antibiose (Unsere Anmerkung: „aber auch nicht fürs Gegenteil“).
Forderung Dersch: Weitere gut gestaltete Studien sind erforderlich.

Metapher zum besseren Verständnis der Details

Mit verschiedenen Zutaten wurden 7 unterschiedliche Apfelkuchen gebacken.

Fragestellung: Welcher Apfelkuchen gelingt am besten?
Antwort: Keiner der Apfelkuchen ist gelungen, weil die Mengenangaben der Zutaten, Backzeit und Temperatur nicht vollständig waren. Aktuell ist unter diesen ungenauen Bedingungen kein Vorteil von einer längeren Backzeit zu erwarten.
Forderung: Es müssen mehr Kuchen unter kontrollierten Bedingungen (Mengenangaben der Zutaten, Backzeit und Temperatur) gebacken werden.

Die Leitlinienautoren treffen aus den Arbeiten von Herrn Dersch die folgende Aussage:

Zitat aus Seite 1 der Leitlinie Neuroborreliose: „Nach einem systematischen Review zur antibiotischen Therapie der Neuroborreliose bei Erwachsenen (Dersch et al 15a) ergibt sich: keine wissenschaftliche Grundlage, von den bislang empfohlenen Therapiedauern von 14 Tagen bei früher und von 14-21 Tagen bei später Neuroborreliose im Regelfall abzuweichen“. Wissenschaftlich sauber und richtig wäre es die Forderung von Herrn Dersch zu übernehmen, nicht aber sie zu interpretieren.

Für die zukünftigen Bäcker von Apfelkuchen erschließt sich daraus: Alle Apfelkuchen waren ausreichend, weil kein Vorteil von einer längeren Backzeit zu erwarten ist.

Im Vorfeld dieser Leitlinie gab es bereits jede Menge Kontroversen, weil allen Beteiligten klar war, dass weltweit praktisch keine aktuellen und belastbaren wissenschaftlichen Studien existieren. Man nutzte die vergangenen Jahre „neue“ Reviews zu antiquierten Studien zu schreiben, um den Anschein von Aktualität der Leitlinie zu erwecken.

Wir haben alle Literaturquellen ab 2000 erarbeitet und mussten feststellen, dass das von uns vorgelegte Beispiel keinen Einzelfall sondern das System der Leitlinienautoren beschreibt.

Auch der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) zieht sich unter dem Hinweis darauf, nicht für die Richtigkeit der Inhalte zuständig zu sein, aus der Affäre. Und so erklärt sich, warum Patienten in Deutschland auch weiterhin keinen anerkannten Anspruch auf Diagnostik und Therapie dieser Infektionskrankheit haben werden.

Es gab Interpretationen bezüglich der Autorenaussagen, die wissenschaftlich in keiner Weise haltbar sind, viele Autoren der Originalquellen haben den eklatanten Mangel an neuen Studien bereits in ihren Arbeiten benannt.

Zusammenfassung: Der Autor verlangt ebenfalls nach neuen Studien, dennoch werden seine Arbeiten als Referenz für ganz andere Aussagen verwendet.

In weiteren Folgen werden wir zusätzliche Beweise dafür erbringen, dass in der Leitlinienerstellung nicht wissenschaftlich sauber gearbeitet worden ist.

 

 

2 Kommentare
M. Bellersheim

Die AWMF soll nur die Einhaltung der Regeln beim Enstehungsprozess der Leitlinie gewährleisten.
Bei den in den medialen Focus gerückten Abgasuntersuchungen wurden ebenfalls alle Regeln eingehalten. Die Leitlinienkoordinatorin des AWMF äußerte mir gegenüber, mit der Beteiligung verschiedener Parteien, wie beim Verfahren der Leitlinienerstellung, wäre dieser Skandal nicht passiert. Wie mit einigen Parteien umgegangen wird zeigt sich in juristischen Auseinandersetzungen. Die hohe Anzahl der beteiligten Fachgesellschaften von deutlich mehr als 20 sollen ein Scheinbild von Evidenz erzeugen. Tatsächlich haben sich wohl nur wenige inhaltlich beteiligt (max. 16 Abstimmungsbeteilgung:16).

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Inga

Ich dachte, dass so etwas nur in Bananenrepubliken stattfindet. Der normale Arzt ist wahrscheinlich zu beschäftigt einen solchen Artikel zu lesen und sich um die Hintergründe zu kümmern, er wird zum Gläubigen und die Patienten haben keine Chance. Armes Deutschland!

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